Grundsätzlich empfiehlt sich in fast jedem Alter der Gang zum Arzt, um ein Blutbild machen zu lassen. Es ist eine Art „Inspektion“ des Körpers, die man seinem Auto oft häufiger gönnt als sich selbst. Wer meint, dass man etwas findet, wenn man etwas sucht, hat recht. Bei mir war es der Verdacht auf Insulinresistenz und die Überweisung zum Diabetologen. Aber was ist eigentlich „Insulin“ und warum kann man dagegen resistent werden? Und was bedeutet das?
Wer sich vor Augen führt, dass es heutzutage schwer ist, einen Hausarzt zu finden, kann sich kaum vorstellen, wie schwierig es ist, einen Facharzt oder eine Fachärztin für ein spezielles Gebiet zu finden. Außer man hat akute Beschwerden, muss man oft mit wochen- bis monatelangen Wartezeiten rechnen. Die eigentliche Frage, bis man in einer 10-minütigen Sprechstunde über eine Kanüle, ein Röhrchen oder einen Anamnesebogen die Wahrheit über sein Leben erfährt, lautet: „Diabetes, was soll das überhaupt sein?“
Ein Besuch beim Diabetologen führt meist dazu, dass man im nüchternen Zustand einen „Zuckersaft“ trinkt und die Verteilung des Zuckers im Blut dann über mehrere Stunden hinweg gemessen wird. Die dahinterstehende Frage ist, wie schnell der Zucker aus dem Blut abgebaut werden kann, denn hohe Zuckerwerte im Blut sind für den Körper und speziell das Gehirn lebensbedrohlich. Insofern muss der Blutzuckerwert vom Körper relativ stabil gehalten werden.
Wodurch die Glukose, also der Zucker im Körper, ansteigt oder sinkt, diskutieren wir noch separat. Wichtig ist, dass es einen mehr oder minder optimalen Zielbereich für Zucker gibt. Natürlich sind die Übergänge fließend.

Was mir beim Thema „Diabetes“ zuerst in den Kopf schoss, sind die diabetikergerechten Schokoladen aus dem Supermarkt und die Erinnerungen daran, wie man als Kind unter dem Tisch bei Oma und Opa oder den Nachbarn spielte, während Teller und Tassen klirrten und Kaffee und Kuchen herumgereicht wurden. Oft fand sich dann die ein oder andere Oma, Tante, Onkel oder Neffe, die an Zuckerkrankheit litt, und es kamen Horrorgeschichten zutage, die bis hin zu offenen Beinen, abgetrennten Zehen oder dem Verlust größerer Körperteile führten.
Und um ehrlich zu sein, diese Geschichten sind wahr. Fast noch schlimmer scheint es Indikatoren zu geben, die darauf hinweisen, dass hoher Blutzucker auch zu Entzündungen im Gehirn führt. Die Krankheiten, die wir heute als Demenz oder Alzheimer vor allem bei älteren Personen wahrnehmen, könnten ebenfalls damit in Zusammenhang stehen. Aber hat Oma jetzt immer zu viel Torte und Schokolade gegessen, bevor ihr schleichender Erinnerungsverlust eintrat?
Genau diese Frage führt uns zum nächsten Effekt. Wieso scheint es heute viel mehr Menschen mit Zuckerkrankheit zu geben? Manche davon geben es zu, manche wissen es und sagen es nicht, manche ahnen es vielleicht. Acht Millionen Deutsche – und wie viele Unerkannte gibt es noch? Wo kommen die alle her? Sind das alles Torten- und Schokoladen-Vernichter, die sich an Ostern und Weihnachten auf die Auslagen stürzen und sich nicht beherrschen können? Und wieso können sie das eigentlich nicht? Sind sie zu schwach? Oder nicht willensstark genug?
Oder sind wir alle Opfer dieser übermäßigen Zuckeraufnahme? Muss ein Lebensmittel eigentlich „süß“ sein, um Zucker zu enthalten, und ist der Zucker auf der Verpackungsliste das Gefährliche?
Um die Frage nach dem Zucker bzw. der Glukose in meinem Blut zu beantworten, empfehlen sich zwei Dinge: Zum einen ein Messgerät, also ein Fingerpiekser, den man eigentlich ständig verwenden müsste, um den Blutzuckerwert zu überprüfen, und zum anderen die noch viel wichtigere Frage nach der Beziehung zwischen Ernährung, also Essgewohnheiten, und dem Ansteigen des Blutzuckerspiegels.

Jessie Inchauspé, die selbsternannte „Glucose Goddess“, schrieb vor einigen Jahren ein außergewöhnliches Buch: „Der Glukose-Trick – Schluss mit Heißhunger, schlechter Haut und Stimmungstiefs“. Was zunächst nach einem typischen Ratgeber für gute Laune klingt, hat mich fundamental bewegt.
Vereinfacht gesprochen, sagt die Autorin, dass die Art der Mahlzeit, ihre Zusammensetzung und ihre Reihenfolge direkte Auswirkungen auf die Konzentration des Zuckers in unserem Blut haben. Natürlich steigt der Blutzuckerspiegel nicht sofort beim ersten Bissen, schließlich muss die Nahrung erst verdaut werden. Doch daraus ergibt sich, dass das Essen auch lange nach dem Leeren des Tellers noch eine direkte Wirkung auf unseren Körper hat. Diese Wirkung kann heilend, ermüdend, aufmunternd, aber auch fatal sein und sie ist – auch wenn sie bei vielen Menschen ähnlich ist – am Ende doch individuell.
Das, worauf ein Mensch reagiert, kann bei einem anderen überhaupt keine Wirkung zeigen. Sicherlich kennt man diese Müdigkeitsmomente nach dem fetten Essen in der Kantine. Während die einen „Currywurst mit Pommes“ essen und sich danach trotz Kaffee direkt ins Wachkoma begeben, schauen andere energiegeladen in die Runde. Ist das Mittagstief damit unvermeidlich? Sicherlich nicht.
Dafür wäre es aber wichtig zu wissen, worauf der eigene Körper reagiert. Es wäre sinnvoll, die ganzen Diät- und Ernährungsbücher erst einmal beiseite zu legen und sich nicht mit der Massentheorie, sondern ganz individuell mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. So unterschiedlich, wie wir aussehen, so unterschiedlich ist auch unser Mikrobiom. Diese Billionen an Fremdlebewesen in unserem Darm beginnen eigentlich schon mit der Mundschleimhaut.
Abhängig davon, wie wir mit ihnen umgehen, ob wir Alkohol trinken, rauchen, Antibiotika schlucken oder fermentierte Jogurtkulturen zu uns nehmen, ob wir abwechslungsreich oder einseitig essen – sie und nur sie allein entscheiden über unseren gesundheitlichen Zustand. Wir füttern sie, wir ernähren sie und sie zerkleinern nicht nur unsere Nahrung, sondern stellen als innere Apotheke unsere Medikamente her, stehen in Kombination mit unserer Darmschleimhaut und helfen unserem Immunsystem. In unserer Zivilisation, in der Vielfalt durch industrielle Produktion quasi ausgerottet wird, nehmen die Krankheiten aufgrund der Einseitigkeit der Darmflora faktisch ständig zu.
Aber zurück zum Blutzucker. Wie misst man den jetzt? Zum Beispiel über diese kleinen Pieksgeräte, bei denen der Zuckergehalt im Blut direkt über die Fingerkuppe, die gut durchblutet wird, gemessen wird. Etwas komfortabler und indirekter ist die Messung über CGM-Produkte. Das ist ein kleiner Metallfaden, der in die Oberarmmuskulatur gestempelt wird und den Blutzucker indirekt in den Muskeln misst. Hier dauert die Aufnahme unter Umständen etwas länger als im Blut, dafür kann eine Messung quasi 24/7 erfolgen und ist nicht von einem Zufallswert abhängig.
Bei der Behandlung von Diabetes kann das hilfreich sein, wenn unklar ist, ob der Wert gerade zu hoch oder zu niedrig ist.
Trifft Zucker im Körper ein, wird von der Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin ausgeschüttet. Das ist nötig, damit der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt. Das heißt, dieser Energieüberschuss wird mittels Insulin als Türöffner in die Zellen transportiert. Was nicht aufgenommen werden kann, wird in der Leber, den Muskeln oder nach einer Transformation in Form von Fett im Körper angelagert.
Dies ist ein bisschen so, wie wenn man Essen mit heimbringt. Entweder verzehrt man es sofort, man packt die Reste in den Kühlschrank oder friert sie im schlimmstenfalls im Tiefkühler für Generationen von Familienmitgliedern ein. Der Weg zum Tiefkühler bzw. zum Auftauen wird aber erst gewählt, wenn der Teller leer, der Kühlschrank nur sehr bedingt gefüllt und der Hunger immer noch groß ist. Natürlich ist dies vereinfacht, aber der Körper baut Fett nur auf und ab, wenn es notwendig ist, weil diese Umwandlungsprozesse aufwändig sind. Insofern wird im Endeffekt Glukose in Fett überführt und gespeichert. Andersherum geht der Körper an die Fettreserven, wenn die Glukose nicht ausreichend im Blut ist, z.B. nachts oder morgens, wenn nach einer langen Phase der fehlenden Nahrung trotzdem Glukose benötigt wird.
Diabetes ist schlussendlich eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper entweder kein Insulin produziert oder das produzierte Insulin nicht effektiv nutzen kann. Insulin ist wie gesagt ein Hormon, das von der Bauchspeicheldrüse produziert wird und eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des Blutzuckerspiegels spielt. Es gibt verschiedene Typen von Diabetes:
- Typ-1-Diabetes: Hierbei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört. Dies führt zu einem absoluten Insulinmangel. Typ-1-Diabetes tritt meist in der Kindheit oder Jugend auf, kann aber in jedem Alter beginnen. Die Behandlung erfordert lebenslange Insulintherapie.
- Typ-2-Diabetes: Diese Form der Diabetes entwickelt sich in der Regel im Erwachsenenalter und ist die häufigste Form von Diabetes. Sie ist gekennzeichnet durch Insulinresistenz, bei der die Körperzellen nicht mehr effektiv auf Insulin reagieren, und einen relativen Insulinmangel. Typ-2-Diabetes ist oft mit Übergewicht, mangelnder Bewegung und ungesunder Ernährung verbunden. Die Behandlung umfasst in der Regel Lebensstiländerungen, orale Medikamente und manchmal Insulin.
- Gestationsdiabetes: Diese Form tritt während der Schwangerschaft auf und verschwindet in der Regel nach der Geburt. Frauen, die Gestationsdiabetes haben, haben ein erhöhtes Risiko, später im Leben Typ-2-Diabetes zu entwickeln.
- Andere spezifische Diabetes-Typen: Es gibt auch andere, weniger häufige Formen von Diabetes, die durch genetische Defekte, Krankheiten der Bauchspeicheldrüse oder bestimmte Medikamente verursacht werden können.
Die Hauptsymptome von Diabetes sind erhöhter Durst, häufiges Wasserlassen, ständige Müdigkeit, verschwommenes Sehen und unerklärlicher Gewichtsverlust. Unbehandelter Diabetes kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen, einschließlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenschäden, Nervenschäden, Fußproblemen und Augenproblemen bis hin zur Erblindung.
Gehen wir nochmal einen Schritt zurück und klären, wozu der Körper Zucker braucht. Am Ende geht es um die Umwandlung von Nahrung und festen Stoffen in Energie – Überlebensenergie, wenn man so will. Diese Energie wird als ATP (Adenosintriphosphat) in den Mitochondrien, also den Energiefabriken der Zellen, erzeugt. Führt man den Zellen zu viel Energie zu, kapitulieren sie faktisch unter der Zufuhr von Material, ebenso wie eine Fabrik am Ende kollabieren würde, wenn wir immer mehr Rohstoffe anliefern, als sie verarbeiten oder produzieren kann.
Durch die ständige Zufuhr von Insulin, getriggert durch Nahrung, die in Glukose umgewandelt wird, ist der Insulinspiegel dauerhaft hoch. Dies ist vergleichbar mit einer Welle, die ständig an eine Kaimauer schlägt und den Uferbereich einem ständigen Druck aussetzt. Die einzige Alternative, den Blutzuckerspiegel zu senken, besteht dann darin, mehr Insulin zu produzieren oder die Aufnahme von Glukose im Blut zu verhindern (z. B. durch Medikamente).
Am Ende fühlen sich die Zellen durch die ständige Zucker- und Insulinüberflutung überfordert und reagieren unter Umständen nicht mehr auf das Insulin. Es ist ein bisschen so, als würde der Nachbar ständig an Ihrer Tür klingeln und irgendwann haben Sie die Nase voll und öffnen einfach nicht mehr. Dann geht er zum nächsten Nachbarn im Mietshaus und versucht es dort. Dies ist Insulinresistenz. Der Körper bzw. die Zellen weigern sich bei hohen Insulinkonzentrationen, den Zucker aufzunehmen, was im schlimmsten Fall bedeuten kann, dass der Körper aus reinem Überlebensinstinkt die Produktion von Insulin noch weiter erhöhen muss, um den Zuckerspiegel zu senken. Sie erkennen es, ein Teufelskreis.
Insulinresistenz – und nun?
Schlussendlich kommt die Frage, was wir nun gegen diese Resistenz tun können. Ja, es gibt handelsübliche Medikamente wie Metformin, die die Zuckeraufnahme hemmen, um das Problem langfristig beherrschbar zu machen. Aber Metformin ist keine Lösung des Problems. Eine Lösung wäre, die Glukoseaufnahme zu reduzieren, und dafür wäre es nötig zu verstehen, welche Nahrungsmittel in meinem Mikrobiom, also in meinen Darmbewohnern, in Glukose umgewandelt werden. Es ist wichtig zu verstehen, wie dies passiert, in welcher Reihenfolge und ob ich durch bestimmte Phasen des Essens oder des Nicht-Essens oder der Reihenfolge der Dinge auf meinem Teller bewusst die Aufnahme beeinflussen kann.
Muss ich jetzt auf Chips und Schokolade grundsätzlich verzichten? Vermutlich nicht, obwohl es sicherlich besser wäre. Aber die Reihenfolge und der Zeitpunkt spielen eine Rolle.
Ein Grundproblem, das Sie verstehen müssen, ist, woher das Fett in Ihrem Körper kommt. Wie kommt es dort hinein? Wieso verschwindet es scheinbar nicht? Und was hat das alles mit Glukose, Blutzuckerspiegel und hochverarbeiteten Lebensmitteln und am Ende mit unserer Lebensmittelindustrie zu tun?
Wenn Sie in den Tank Ihres Autos statt Benzin oder Diesel oder Strom etwas anderes füllen, dann wird es vermutlich nicht oder nicht mehr lange fahren. Das ist trivial, denn der Motor ist für diese eine Antriebsart gemacht. Im Verhältnis dazu ist aber Ihr Körper ein Einzelstück und anpassungsfähig. Ob Sie nun gerne Fisch und Fleisch essen, Schokolade oder Chips, ob Sie Vegetarier oder Veganer sind – alle Ernährungsformen erlauben ein grundsätzliches Überleben mit verschiedenen Effekten. Zu sagen, Sie sollten oder müssten unbedingt so oder so leben oder essen, lässt außer Acht, dass, ähnlich wie bei einer Kuh, die Kuh das Gras, das sie frisst, gar nicht verdauen kann. Eine Kuh lebt nicht von Gras, sondern von dem, was durch die Verdauung in ihren Mägen aus dem Gras erzeugt wird.
So leben wir eben auch nicht von unseren Nahrungsmitteln, sondern von dem, was aus ihnen in uns gemacht wird. Wenn Sie diesen fundamentalen Zusammenhang nicht verstanden haben und nie schauen, was in Ihrem Körper geschieht, lässt sich das Problem der Gewichtszunahme nicht lösen.
